Annabella im Kaufrausch

 

Bikini-Kauf

 

 

Es wird Sommer. Endlich. Ich freu mich ja so. Voll Enthusiasmus räume ich die Winterpullis nach hinten, die T-Shirts nach vorn. Das Freibad ruft!!! In meiner Vorfreude ziehe ich meine Bikinis und Badeanzüge aus der Kiste. Mein Lächeln gefriert mir im Gesicht und meine Freude ist nicht mehr ganz so groß... Mein Bikini sieht aus, als gehört er mir nicht. Klein. Geradezu winzig. In mir keimt der Verdacht, daß das Höschen meine weiblichen Rundungen nicht ganz abdeckt, das Oberteil sieht aus, als gehöre es meiner 12-jährigen Tochter.

In meiner leicht getrübten Vorfreude auf den Sommer mache mich also auf zum Bikini-Kauf. Ist nicht so einfach, wenn man bedenkt, daß 40 Gramm Stoff sämtliche Problemzonen vorteilhaft verpacken sollen. Eine Verkäuferin, Typ platinblonde Barbiepuppe von ca. 19 Jahren, reicht mir einige – wie sie denkt – passende Bikinis. In der Umkleidekabine betrachte ich sehr skeptisch die wenigen Schnüre, die die Bezeichnung „Bikini“ tragen dürfen. Mit dem letzten Rest Vorfreude als Motivation zwänge mich zwischen die goldenen Stricke und Schnallen. Zeitgleich mit meinem Blick in den Kabinen-Spiegel greife ich entsetzt nach dem Kabinenvorhang und halte ihn ganz fest zu... Grauenhafte Vorstellung, daß mich – ganz wurscht, wer – sooo sehen könnte!  Die schrillen dünnen Bändel harmonieren nicht wirklich mit meiner grottenolmweißen Haut, aber dafür fallen in dieser Verpackung meine unvorteilhaften Stellen selbst einem Blinden ins Auge!! Ich bin nicht schlüssig, ob ich lachen oder weinen soll. Ganz entschieden ist das hier das falsche Modell für mich. Die Verkäuferin mit ihren 90-60-90 spricht vom „letzten Schrei der Saison“. Ja, das glaube ich gerne. Wenn ich damit in einem öffentlichen Bad rumlaufe, bin ich garantiert der Brüller – weit über diese Saison hinaus! Ich schäle mich also aus dieser Verschnürung und werfe mich todesmutig in das nächste Sternchen am Bikinihimmel. Oh mein Gott. Ich beginne daran zu zweifeln, ob ein Bikini auch wirklich das ist, was ich will. Das Oberteil läßt mehr Einblick zu, als zumutbar ist, und das Unterteil ist so knapp, daß ich nicht sicher sein kann, tatsächlich eines zu tragen. Und überhaupt. Warum muß die Bikini-Industrie auch derart am Stoff sparen? Diese Modelle in Größe 38 passen maximal einem verhungerten Teenager! Mit meinem Frust wächst die Erkenntnis: der Spartrieb der Hersteller zielt darauf ab, die reife Frau ab 30 dazu bringen, Größe 42 zu tragen. Also ich bitte Sie, was soll denn das! Da ist der Sommer doch schon gelaufen, bevor er begonnen hat! Schließlich kommt es nicht darauf an, ob etwas passt, sondern ob das Bapperl die richtige Größe aufgedruckt hat! Man stelle sich vor, besagtes Bapperl lugt versehentlich aus dem Höschen und zeigt die grausame Zahlen VIER und ZWEI. Nicht auszudenken... wie peinlich! Langsam beginne ich inmitten meiner Überlegungen zu frösteln. Auch der Anblick meiner quarkigen Nacktheit im Kabinenspiegel wirkt nicht gerade erwärmend... Also hole ich tief Luft und komme zu der mir selbst suggerierten Erkenntnis, daß heute einfach nicht der richtige Tag ist, um einen Bikini zu kaufen. Mein Versuch, mich unauffällig aus dem Geschäft zu schleichen, scheitert kläglich. Die aufmerksame Barbie hat mich ganz genau im Visier und frägt mit honigsüßem Stimmchen laut und deutlich, ob denn nichts gepasst hätte. Diese infame Frage quittiere ich mit einem vernichtenden Blick, ignoriere die abschätzenden Blicke der anderen anwesenden Kundinnen und verabschiede dieses kasteite Modepüppchen mit den Worten, daß das Sortiment in diesem Geschäft nicht meinen Vorstellungen entspräche!  Als ich auf die Straße trete, regnet es in Strömen. Na also. Was soll ich denn bei so einem Wetter überhaupt mit einem Bikini? Und schließlich habe ich ja noch einen Badeanzug. Aber den probiere ich heute nicht mehr.

 

 

 

... geteiltes Leid ist halbes Leid.... J                       Ihre Annabella Kolumna

 

 

 

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