Nie wieder falsche Strümpfe
(ein Bericht aus meinem Fundus)
Es ist heiß. Sehr heiß. Nächste Woche heiratet meine Freundin – bei vorausgesagten 35 Grad. Im Schatten!!! Hochzeit ist gleichbedeutend mit: schmeiß Dich in Schale!!! ABER: Kostüm oder Nobel-Kleid ohne Strümpfe? Undenkbar!! Aber es soll ja angeblich die elegante Lösung für die Frau von heute geben: Nylons aus der Dose!! Die Werbung klingt vielversprechend: einfache Anwendung, keine Streifen, keine Laufmaschen, dezentes „Bein-Make-up“ (meine Güte, wer, bitte schön, will was über Krampfadern-Deckkraft wissen?!) schnelles Trocknen ... und (sehr wichtig!): kein Schwitzen im Sommer! Also: gekauft!!!
Gut schütteln, steht da, und kreisförmig aufsprühen. Los geht’s: Beine auf den Badewannenrand, und es wird gekreist und gesprüht und ... gehustet, was das Zeug hält. „Vorsicht, enthält Aerosol“ – ja, aber um das lesen zu können, braucht man eine Lupe!!! Daneben steht: „ Nicht auf frisch epilierte Beine aufsprühen“ – ja, was glauben die denn, wie ich zu einer Hochzeit gehe? Mit Affenpelz am Bein?? Während das Sprühwunder auf meinem Unterschenkeln trocknet, lese ich den Beipackzettel. Sprühabstand 15-20 cm... den hab ich eingehalten, aber da steht klein daneben „achten Sie darauf, daß beim Sprühen nichts an Boden oder Wände kommt“. Witzig. Wirklich witzig. Die Warnung kommt zu spät – die Badewannenkeramik ist bereits gut bestrumpft. Aber bitte – bei Bein Nummer 2 verringere ich den Abstand auf gute 5 cm, um nicht das gesamte Bad zu verkrusten. Dafür spannt da jetzt meine Haut ganz gewaltig. „Gehen Sie nicht zu nah ans Bein“... Keine Sorge. So, wie mein Bein jetzt aussieht, geht garantiert keiner mehr zu nah ran! Meine Haut wirkt wie nach dem Inferno des Vesuvs: staubig verkohlt, grau und mausetot. Daß diese Dosennylons die Anwenderin binnen Sekunden in eine Bein-Greisin verwandelt, davon steht da aber nix!! Es hieß „natürlich“ und „schön“... Ja! Schön blöd!!! Mein Bein sieht aus, als stecke ich in einem Omastrumpf mit mindestens 50 Den!! Farbton: Moorleiche!
Auch der Tragekomfort ist nicht ganz das Versprochene: ich fühle mich wie in einem Trombose-Strumpf nach der Vollnarkose. War das gemeint mit „verrutscht nicht“??? Nein, auf dieser Kruste rutscht nie wieder was!! Dazu die auf Kniehöhe scharfe Linie, die meinen natürlichen Hautton von den Spuren dieses Vulkanausbruches trennt.
Beim Weiterlesen werde ich irgendwie unruhig: „Regen, Schwitzen, Baden, ja selbst Wasserballspielen kann den halterlosen Strümpfen nichts anhaben.“ Das wirft dem aufmerksamen Leser doch die Frage auf: Wer, bitte schön, spielt in halterlosen Strümpfen Wasserball???? (Wobei: so gesehen, könnte man nun endlich im Chanel-Badekostüm stilsicher dem Meer entsteigen, die Beine bis zum Schritt im unverwüstlichen Moorleichen-Teint! Wollten wir das nicht alle schon lange mal erleben?!) Doch noch ein zweites Faktotum kämpft sich mühsam an die Oberfläche meines Bewußtseins... es dämmert mir, worauf ich mich hier eingelassen habe:
Resistent gegen Wasser. RESISTENT........................................ O H G O T T !!!
Fortan werde ich mich also mit ledernen Waden durchs Leben schleppen, auf der Straße werden die Kinder mit Fingern auf mich zeigen, am Rock der Mama zupfen und sagen
“Guck mal, Mama, die Frau hat verkohle Beine!!“
In meine Überlegungen über meine zweifelhafte Zukunft drängt sich noch ein weiterer, schrecklicher Gedanke: die Hochzeit nächste Woche!!
Mit Tränen in den Augen betrachte ich mein luftiges, kurzes Edel-Kostümchen.
Und die dazu passenden dünnen, kaum spürbaren, eigentlich ganz und gar überhaupt nicht schweißtreibenden, hauchfeinen Sommer-Strümpfe. Halterlos, versteht sich.
Und ich habe die Gewissheit vor meinen tränenblinden Augen - mir bleiben nur zwei Möglichkeiten, wenn ich zu dieser Hochzeit gehen möchte: ein Hosenanzug oder eine Turbo-Haut-Transplantation....
In diesem Sinne – auf einen schönen, baldigen Sommer!!!
Ihre Annabella Kolumna
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